Lockdown-Kur – Pilgergeschichte vor Berg- und Seenlandschaft

DIE GESCHICHTE IN 6 KAPITELN

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Die Geschichte bleibt vollständig erhalten. Du kannst sie von Anfang an lesen oder direkt zu einer Etappe springen.

KAPITEL 1

Ankunft in der Klinik

Die ersten Tage, Tagesbefehl und die Frage, ob das wirklich meine Art von Erholung ist.

Nach einer starken Herzbeutelentzündung und spürbaren Nachwirkungen fühle ich mich noch immer nicht richtig gesund. Auf ärztliches und familiäres Drängen hin willige ich deshalb ein, mich in einen Kuraufenthalt zu begeben, um wieder zu Kräften zu kommen.

Ich soll in eine Klinik zur Kur? Zu Patienten mit Burnoutsyndrom, psychischen Problemen und Schlafstörungen? Das kann anderen Leuten passieren, aber mir?

Nun ja, mit der Diagnose Schlafstörung kann ich mich noch einigermassen anfreunden. Ich kann tatsächlich nicht besonders gut durchschlafen und brauche morgens nie einen Wecker. Anstatt zu schlafen, zappe ich nachts oft durch die Programme von Arte, Phoenix, ServusTV oder anderen Sendern und döse im Halbschlaf zu Dokumentationen aus fernen Ländern dem Morgen entgegen.

Also beuge ich mich meinem Schicksal und bereite mich gedanklich auf den Kuraufenthalt vor.

Aber wie sage ich es meinen Arbeitskollegen und unserem Freundeskreis? Irgendwie ist es mir peinlich. Schliesslich schaffe ich es aber doch, alle zu informieren. Eigentlich kann es mir ja egal sein. Ich leide schliesslich unter Schlafstörungen.

Es ist der 6. Februar 2020, ein schöner, sonniger Tag. Heute trete ich meinen Kuraufenthalt an.

Entgegen dem im Klinikprospekt abgedruckten Angebot, sich mit einem Tesla vom Wohnort zur Klinik chauffieren zu lassen, reise ich mit dem Zug in die Innerschweiz.

Tesla und Chauffeur? Das gibt’s ja nicht! Kein Wunder, dass wir einen grossen Teil unseres Einkommens an die Krankenkasse bezahlen! So ein Blödsinn!

Am Bahnhof des Zielorts angekommen, kenne ich den Weg zur Klinik bereits, denn ich war vor ein paar Wochen schon zu einem Vorgespräch hier. So richtig kann ich mich noch immer nicht mit der Situation abfinden. Aber nun gibt es kein Zurück mehr.

Die Klinik kommt in Sichtweite. Sie wirkt monumental, wird von der Sonne angestrahlt und erhebt sich höher als alle umliegenden Gebäude. Ich zähle fünf oder sechs Stockwerke, während ich einen grossen Parkplatz überquere.

Dann steige ich eine schmale Treppe zum Haupteingang hinauf, vermutlich eine Treppe für das Klinikpersonal. Oben angekommen sehe ich, dass hier tatsächlich genügend Platz wäre, um standesgemäss mit dem Tesla vorzufahren.

Ich muss über den Gedanken lächeln und gehe durch die Glastüre.

Die beiden Empfangsdamen begrüssen mich freundlich. Zuerst muss ich ein Personalienblatt ausfüllen. Danach führt mich eine der beiden, adrett gekleidet, zu meinem Zimmer im fünften Stock.

Mein Zimmer hat die Nummer 506.

WOW! Da habe ich aber einmal Glück.

Das Einzelzimmer ist zwar klein und zweckmässig eingerichtet, doch weil der Vorhang am Fenster nur halb zugezogen ist, sehe ich sofort die Aussicht.

Der Blick auf den See und die dahinterliegenden Berge ist einmalig.

Nachdem ich mich eingerichtet habe, werfe ich mich erst einmal aufs Bett, um anzukommen.

In einer Ecke am Fenster stehen ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl. Dort werde ich meinen Computer aufstellen. Es gibt sogar eine Netzwerkanschlussdose. An der Wand gegenüber meinem Bett hängt eine weisse magnetische Pinwand mit einigen Informationen zum Klinikalltag. Das kleine Bad mit Dusche und WC habe ich bereits inspiziert.

Ich bin rundum zufrieden und vor allem überaus glücklich darüber, ein Zimmer für mich allein zu haben.

Danke, Universum!

Die Empfangsdame hat mir ein A5-Blatt mit dem Tagesprogramm für den nächsten Tag dagelassen. Sie hat mich ausserdem informiert, dass ich die künftigen Tagespläne jeweils am Vorabend im Eingangsbereich der Klinik aus meinem Briefkasten mit der Nummer 506 holen könne.

Noch immer bin ich in meinem Zimmer, und der erste Abend kündigt sich mit einem phänomenalen Sonnenuntergang über See und Bergen an.

Dann mache ich mich bereit für das Abendessen in dieser neuen Umgebung.

Für den gesamten Klinikaufenthalt nehme ich mir vor, immer die Treppe und niemals den Lift zu benutzen. Irgendwie finde ich im Gewirr von Gängen und Treppen tatsächlich den Weg zum Speisesaal.

Dort werde ich instruiert, dass mein Essplatz an einem Tisch mit einem älteren Herrn sei.

Was heisst hier eigentlich «älterer Herr»? Ich bin ja selber auch schon ein älterer Herr. Aber der andere ist eben noch älter.

Nun gilt es, ein Gesprächsthema zu finden, damit die Situation nicht allzu peinlich wird.

Smalltalk ist gefragt.

Meine Lieblingsdisziplin!

Unter den Patienten duzt man sich. Ich erfahre, dass mein Tischnachbar aus der Gegend von Thun kommt und hier ist wegen, man darf raten, Schlafstörungen.

Allerdings nicht nur wegen gewöhnlicher Schlafstörungen. Nach seiner Schilderung kann er praktisch überhaupt nicht schlafen.

Also ein schlimmer Fall.

Da kann ich mit meinen Schlafstörungen direkt zufrieden sein.

Nach dem Essen verziehe ich mich in mein Zimmer und richte meinen Computer ein, damit ich im Bedarfsfall auf mein bewährtes Notfallszenario zurückgreifen kann: Arte, Phoenix oder ServusTV.

Am nächsten Morgen ist das Frühstücksbuffet laut Tagesprogramm von halb acht bis neun Uhr geöffnet. Doch zuerst muss ich zur Medikamentenausgabe.

Ja, so ist es leider. Seit der ärztlichen Diagnose vor bald einem Jahr gehöre auch ich zu den Leuten, die täglich Medikamente nehmen müssen. Meine Medikamente musste ich beim Eintritt in die Klinik abgeben. Nun kann ich meine tägliche Ration auf der Pflegestation im fünften Stock abholen.

Danach mache ich mich auf zum Speisesaal.

Welch ein Frühstücksbuffet!

Verschiedene Brotsorten, Zopf, Gipfeli, Birchermüesli, Rührei, eigentlich alles, was man sich zum Frühstück wünschen kann.

Und das Beste steht in einer Ecke: eine grosse professionelle Kaffeemaschine, die mir ausgezeichnete Cappuccini zubereitet.

Im Verlauf meines Klinikaufenthalts werde ich eines feststellen:

Das Essen hier in der Klinik ist der Hammer!

Am Abend hole ich den Tagesplan für Tag zwei aus meinem Briefkasten.

Da steht: Frühsport, Klinik-Info, Achtsamkeitstraining und Eintrittsgespräch mit der fallführenden Ärztin.

Und das Beste daran: Die Termine sind über den ganzen Tag verteilt.

Hey Leute! Ich bin zur Erholung hier und nicht in einem Trainingslager oder Bootcamp!

Von nun an nenne ich das Tagesprogramm nur noch «Tagesbefehl», weil mich das Ganze irgendwie an meine Militärzeit erinnert.

Der 8. Februar ist ein schöner, sonniger Tag. Zum Glück habe ich heute keinen besonders strengen Tagesbefehl. Am Vormittag stehen lediglich Frühsport und Selbstfürsorge auf dem Programm, am Nachmittag TaiChi.

Nach den Therapien besucht mich unsere Tochter Irina in der Klinik. Sie ist alleine mit dem Zug von Safenwil hierhergereist. Auch sie hat gesundheitlich eine schwierige Zeit hinter sich, und wir hoffen alle sehr, dass es für sie nun Schritt für Schritt aufwärtsgeht.

Ich zeige ihr mein Zimmer und natürlich den schönen Blick auf den See. In der Teestube im sechsten Stock trinken wir zusammen einen Tee. Danach machen wir noch einen Spaziergang durchs Dorf und entlang der Seepromenade.

Ich gebe mir weiterhin grosse Mühe, mich an den Klinikalltag zu gewöhnen.

Aber irgendwie fühle ich mich durch die vielen Termine und Therapieformen gestresst: TaiChi, Selbstfürsorge, Achtsamkeitstraining, Musiktherapie, Maltherapie und mein liebster Termin, die Gesprächstherapie mit der fallführenden Ärztin.

Zu meinem Glück ist meine Ärztin ganz in Ordnung. Trotzdem fühle ich mich in dieser Gesprächssituation einfach nicht wohl. Ich merke schon jetzt, das Reden bringt mir nichts!

KAPITEL 2

Lockdown

Plötzlich ist alles anders. Der Klinikalltag steht still und ausgerechnet das bringt mir Ruhe.

Doch dann kommt sie, meine Rettung und so seltsam es klingt: Corona kommt für mich persönlich genau zur richtigen Zeit!

In der Klinik gibt es nämlich den ersten Corona-Fall. Ein Klinikmitarbeiter wurde nach dem Wochenende positiv auf das Coronavirus getestet.

Eine Art Panik bricht aus.

ENDZEITSTIMMUNG!

Von einer Stunde auf die andere werden sämtliche Therapietermine abgesagt.

Es gibt keinen Tagesbefehl mehr!

Die Klinikleitung erarbeitet einen Notfallplan, oder vielleicht lag bereits einer griffbereit in einer Schublade.

Auf jeden Fall gilt ab sofort, soziale Kontakte möglichst zu vermeiden. Damit entfallen auch die Therapietermine.

Und das Beste von allem: keine Gesprächstherapie mehr!

Für mich ist das eine Erleichterung. Das war einfach zu viel des Guten.

Im Eingangsbereich der Klinik werden Spender mit Desinfektionsmittel aufgestellt, mit denen man das auf den Händen vermutete Coronavirus vernichten soll.

Eine Maskenpflicht gibt es noch nicht.

Entweder weiss man noch zu wenig über das Virus, oder es gibt schlicht zu wenige Masken auf dem Weltmarkt.

So weit, so gut.

Aber was fange ich jetzt mit der vielen terminlosen Zeit an?

Zuerst einmal ruhe ich mich von den vergangenen strengen Kliniktagen aus. Ich schaue mir auf dem Computer Dokumentationen über Reisen und Technik an und versuche manchmal, die Zeit bis zum Essen mit Schlafen zu verkürzen.

Irgendwann wird mir das langweilig.

Zum Glück darf man die Klinik weiterhin verlassen. Man muss sich einfach auf der Pflegestation in eine Tabelle eintragen und vermerken, von wann bis wann man ausser Haus ist.

Das ist echt cool!

Ich beschliesse, mit dem Bus in ein nahegelegenes Einkaufszentrum zu fahren.

Eigentlich brauche ich nichts. Für mich wird ja bestens gesorgt.

Allerdings habe ich das Buch Die Vermessung der Welt, das ich von einer Arbeitskollegin erhalten habe, schon fast fertig gelesen.

Also gehe ich kurzentschlossen in die Buchhandlung beim Ausgang des Einkaufszentrums.

Ich stöbere in der Abteilung mit den Reisebüchern und finde das Buch Die geilste Lücke im Lebenslauf.

Das klingt gut und verspricht spannende Lektüre.

Auch beim Essen wird eine neue Corona-Regelung eingeführt.

Ab sofort wird in zwei Schichten gegessen, einer Frühschicht und einer Spätschicht. Zudem sitzt jeder allein an einem Zweiertisch.

Das kommt mir entgegen.

Kein Smalltalk mehr.

Das Essen ist immer noch vorzüglich, und ich geniesse es jeden Tag. So allein am Tisch hat man viel Zeit zum Nachdenken. Der Blick durch das grosse Fenster des Speisesaals deutet bereits darauf hin, dass draussen langsam der Frühling Einzug hält.

Die Kommunikation während des Essens beschränkt sich auf freundliches Zunicken zum Nachbartisch.

Das Wort «Lockdown» gehört zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu unserem Alltag.

Irgendwie komme ich mir in dieser Virussituation vor wie in einem Endzeitfilm.

Die Fiktion ist real geworden, ermöglicht durch unsere globalisierte und vernetzte Welt.

Ein neuer Ausdruck hält Einzug in die Umgangssprache:

PANDEMIE.

Viele Klinikgäste vermissen inzwischen das Therapieangebot. Manche wünschen sich die Gesprächstherapie regelrecht zurück.

Ich immer noch nicht.

Ich schwelge weiter in Reisedokumentationen und reise in Gedanken in ferne Länder.

Und immer, wenn ich wieder ein Buch fertig gelesen habe, verspüre ich den Drang, in den Bus zu steigen und in der Buchhandlung ein neues Reisebuch zu kaufen.

Mit der Zeit wird mir das allerdings etwas peinlich.

Ich hoffe jedes Mal, dass nicht wieder dieselbe Verkäuferin Dienst hat.

Denn in meiner Fantasie höre ich sie schon denken:

«Was schleicht denn der schon wieder hier herum?»

Dann kommt der Moment, an dem ich praktisch alle Reisebücher gekauft und gelesen habe, die meinem Geschmack entsprechen.

Nur eines ist noch übrig.

Aufgrund des Titels und des Einbands habe ich es bisher als uninteressant eingestuft.

KAPITEL 3

Der Salzpfad

Ein unscheinbares Buch führt meine Gedanken an die Küste Englands und setzt etwas in Bewegung.

Der Salzpfad.

Der Einband ist türkis, darauf eine schwarze Küstenlandschaft.

Mangels Alternative kaufe ich das Buch trotzdem.

Zurück in meinem Zimmer lese ich die ersten Seiten.

Meine Vermutung bestätigt sich zunächst.

Langweilig.

Die Geschichte handelt von einem älteren Ehepaar, das gerade Hab und Gut und sogar das eigene Haus verloren hat. Moth, der Ehemann, leidet zudem an einer langsam fortschreitenden, unheilbaren Krankheit.

Krankheit.

Ja, genau das brauche ich jetzt.

Ich fühle mich schliesslich selber krank und energielos.

Das obdachlose Paar beginnt in seiner scheinbar aussichtslosen Lage, den Southwest Coast Path zu wandern, einen Weitwanderweg entlang der Küste Cornwalls.

Und plötzlich zieht mich die Geschichte doch in ihren Bann.

Innert kurzer Zeit lese ich das Buch zu Ende.

Ich erinnere mich an vergangene Englandferien mit unserer Familie. Unsere beiden Kinder Irina und Rafael besuchten dort Sprachkurse, während Jeannette und ich die Umgebung von Bournemouth erkundeten.

Wieder einmal Ferien in England machen und auf dem Southwest Coast Path wandern?

Das wäre schon cool!

In der Klinik wird inzwischen ein reduziertes Therapieprogramm eingeführt. Die Gespräche mit der Ärztin finden telefonisch statt. Gruppentherapien werden nur noch mit der Hälfte der Teilnehmenden durchgeführt.

Draussen herrscht inzwischen die «ausserordentliche Lage», und das Wort LOCKDOWN gehört nun definitiv zum Wortschatz.

Wir fühlen uns in der Klinik irgendwie sicher.

Jeden Montag informiert die Klinikleitung über die aktuelle Lage draussen und über neue Massnahmen innerhalb der Klinik.

Ich bin nicht unglücklich darüber, dass die Therapien auf ein für mich erträgliches Mass reduziert wurden.

Andere haben allerdings grosse Mühe damit.

KAPITEL 4

Pilgern

Aus einem Gefühl der Ohnmacht entsteht ein Wort, ein Gedanke und schliesslich ein konkretes Ziel.

Dann erreichen mich Nachrichten von zu Hause. Irinas gesundheitliche Situation hat sich verändert.

Ich bin hier und kann nichts tun.

Ich fühle mich machtlos.

Nein, ohnmächtig.

Diese Ohnmacht ist unerträglich.

Ich muss etwas tun.

Und da passiert etwas Merkwürdiges.

Plötzlich ist dieses Wort da:

PILGERN.

Was bedeutet Pilgern eigentlich?

Für mich hat das in diesem Moment wenig mit Religion im klassischen Sinn zu tun. Ich möchte gehen. Unterwegs sein. Einen Weg mit einem Ziel verbinden. Meine Gedanken ordnen. Etwas tun, statt nur machtlos dazusitzen.

Ich will pilgern.

Für Irina.

Und für mich.

Und dann sehe ich mein Pilgerziel.

Weit oberhalb des Dorfes ragt eine markante graue Felsnadel aus dem Wald.

Da will ich hinauf!

Ich weiss nicht, wie sie heisst. Ich weiss auch nicht, wie ich in meinem geschwächten Zustand dort hinaufkommen soll.

Aber ich muss es schaffen.

Zum Glück dürfen wir die Klinik trotz der strengen Corona-Regeln noch verlassen.

Also plane ich mein Pilgerprojekt für den nächsten Tag.

KAPITEL 5

Stockfluh

Mein erstes Pilgerziel, Kletterstellen, Begegnungen und die überraschende Entdeckung eigener Kräfte.

Es ist der 24. März 2020.

Ich gehöre zu den Frühessern und kann deshalb bereits um 11.30 Uhr zum Mittagessen gehen.

Danach gehe ich auf mein Zimmer, ziehe meine hohen Winterstiefel an, stecke einen Müsliriegel in die Jackentasche und mache mich auf zur Pflegestation, um meine Abwesenheit in die Tabelle einzutragen.

Natürlich erzähle ich niemandem von meinem geplanten Vorhaben.

Von der Klinik aus ist die Felsnadel gut zu sehen. Ich muss also nicht lange überlegen, in welche Richtung ich gehen soll.

Mein Weg führt durch mehrere Wohnquartiere und danach einem Fluss entlang.

Weiter vorne entdecke ich eine Holzbrücke. Dort kann ich den Fluss überqueren. Auf der anderen Seite folge ich einer Quartierstrasse bis zu einem Wegweiser.

Da ich noch immer nicht weiss, wie mein Ziel heisst, biege ich einfach in einen Weg ein, der bergauf durch ein kleines Wäldchen führt.

Am Wegrand schauen die ersten Bärlauchblätter zwischen dem dürren Laub des vergangenen Herbstes hervor.

Am Ende des Wäldchens sehe ich wieder Häuser. Bei einem davon arbeitet ein älterer Mann im Garten.

Ich frage ihn, ob ich auf dem richtigen Weg zur Felsnadel sei, und zeige nach oben in Richtung Wald.

«Jo, zum Duume gohts do dure!»

Aha.

Jetzt weiss ich zumindest, dass mein Ziel «Duume» heisst.

Und ich bin auf dem richtigen Weg.

Motiviert gehe ich weiter durch das Quartier. Der Weg führt an Häusern unterschiedlichster Bauart und unterschiedlichsten Zustands vorbei, von pikfein bis baufällig.

Weiter oben zweigt ein Weg in den Wald ab.

Nach dem Wald folgt ein letzter Bauernhof. Nun geht es auf einem Grasweg steil durch eine Kuhweide hinauf.

Ich bin ausser Atem und muss eine kurze Pause einlegen.

Dann geht es weiter bergauf, bis ich zu einem Wegweiser komme.

Bisher kannte ich nur gelbe Wanderwegweiser.

Dieser hier ist blau.

Darunter hängt ein Hinweisschild:

«Alpinwanderweg, nur für erfahrene Wanderer.»

Davon lasse ich mich nicht beeindrucken.

Schliesslich will ich mein Pilgerziel erreichen.

Komisch ist allerdings, dass ich auf dem Wegweiser nirgendwo etwas von «Duume» gelesen habe.

Der Grasweg ist inzwischen zu einem erdigen Waldweglein geworden. Lose Steine und Laub zwingen mich zu vorsichtigem Gehen.

Manchmal steigt der Pfad so stark an, dass es über treppenartige felsige Tritte hinaufgeht.

Meine Schläfen pochen vor Anstrengung. Schweisstropfen laufen mir übers Gesicht.

Immer wieder muss ich stehen bleiben und verschnaufen.

Der Mischwald wird allmählich von einem Tannenwald abgelöst. Der Weg wird flacher und führt an moosbewachsenen Felsbrocken vorbei.

Später werde ich dieses Wäldchen «Zwergenwäldchen» nennen.

Dann stehe ich vor einer kleinen Felswand.

Zwei oder drei hohe Tritte eröffnen die Kletterpartie.

Ein abgewetztes Drahtseil ist mit eisernen Ankern am Fels befestigt. Daran kann ich mich festhalten und hochziehen.

Ich befinde mich also tatsächlich auf einer Art Klettersteig.

Nach einigen akrobatischen Manövern ist das Hindernis bezwungen, und es geht in einem lichten Föhrenwald weiter.

Der erdige Boden ist mit Föhrennadeln übersät. Der Weg führt in schrägen Zickzacklinien aufwärts.

Zwischen den Bäumen hindurch sehe ich den ruhig daliegenden See. In der Ferne verliert er sich im Dunst.

Der Pfad ist inzwischen fast nicht mehr zu erkennen und führt an dornigen Büschen vorbei, deren Äste sich immer wieder in meiner Hose verhaken.

Weiter oben, bei einer Baumgruppe, sehe ich etwas, das wie ein Gipfelkreuz aussieht.

Gespannt gehe ich darauf zu.

Am Kreuz ist ein Kasten befestigt.

Darauf steht:

«Bützi».

SHIT!

Ich habe mich verlaufen.

Oder besser gesagt: verstiegen.

Die Felsnadel sehe ich viel weiter oben aus dem Wald ragen.

Von hier aus komme ich doch niemals dort hinauf.

Trotzdem mache ich mit dem Handy ein Foto vom Gipfelkreuz.

Nun muss ich wohl den ganzen mühsam erkämpften Weg wieder absteigen und einen anderen suchen.

Ich habe versagt.

Mein Pilgerziel werde ich heute nicht erreichen.

Es ist inzwischen bereits gegen drei Uhr nachmittags.

Plötzlich raschelt es im Gebüsch.

Weiter unten sehe ich eine Gestalt schnell den Berg hinaufkommen.

Nein, sie geht nicht.

Sie rennt.

Schon steht ein drahtiger Kampfwanderer mit buntem Stirnband und kleinem Rucksack vor mir.

Er setzt sich in gebührendem Abstand hin und keucht:

«… nur wäge Corona!»

Ah.

Ich verstehe.

Er hält wegen Corona Abstand.

Das ist mir auch recht.

Ich erzähle ihm, dass ich mich offenbar verstiegen habe und eigentlich auf den «Duume» wollte.

Er schaut mich an.

«Jä, näi, du besch scho richtig hiä. Muesch äifach daa hinde abbe stiige i das Tääli, ond denn gohts wiiter uffe zum Duume!»

Dann nimmt er einen grossen Schluck aus seiner Wasserflasche.

Ich höre noch ein «Tschüss», und schon verschwindet er in genau jener Richtung, die er mir eben erklärt hat.

Diese Begegnung ist irgendwie surreal.

Ich bin wieder allein.

Und erleichtert.

Offenbar bin ich doch richtig unterwegs.

Jetzt habe ich sogar Lust auf meinen Müsliriegel. Ich krame ihn aus der Jackentasche und geniesse die süsse Stärkung.

Dann mache ich mich auf in Richtung «Tääli».

Aber oha!

Da geht es verdammt steil hinunter.

Dieser Abstieg wird nicht einfach.

Zum Glück gibt es auch hier wieder ein abgewetztes Drahtseil zum Festhalten.

Ich steige in die Wand ein und versuche es zuerst vorwärts, dann rückwärts.

Zunächst geht es ganz gut.

Dann komme ich an eine Stelle, an der ich mit dem Fuss den nächsten sicheren Tritt nicht mehr ertasten kann.

Ich drehe den Kopf in Richtung Abgrund.

Der nächste Tritt ist nur mit einem Sprung erreichbar.

Umkehren oder springen?

Ich entscheide mich für den Sprung.

Ich lockere meinen verkrampften Griff am Drahtseil etwas und gehe in die Knie, um Schwung zu holen. Mein linkes Bein baumelt bereits frei in der Luft.

Mit dem rechten Bein stosse ich mich kräftig ab.

Hoffentlich lande ich mit dem linken Fuss sicher auf dem Felsspitz etwas weiter unten.

Später werde ich diese Stelle nur noch «Schlüsselstelle» nennen.

Mein Herz klopft.

Meine Hände klammern sich wieder ans Drahtseil.

Ich hab’s geschafft.

Aber ich bin noch immer nicht unten im Tääli.

Der Rest des Abstiegs ist im Vergleich zum oberen Teil allerdings beinahe einfach.

Auf einem felsigen Weglein geht es anschliessend wieder bergauf, an grossen Felsbrocken vorbei.

Aber das ist nichts im Vergleich zu dem Abstieg, den ich gerade hinter mir habe.

Der Wanderweg führt nun wieder durch einen lichten Wald.

Teilweise ist er nur schwer erkennbar, und ich bin froh, wenn ich jeweils die nächste farbige Wanderwegmarkierung auf einem Stein oder Felsen entdecke.

Dann ist sie da.

Die Felswand.

Da muss ich hoch?

Nun gut.

Zurück will ich jetzt auch nicht mehr.

Ich steige in die Wand ein.

Zuerst geht es über grosse, aber gut erreichbare Tritte aufwärts. Immer wieder sehe ich Farbmarkierungen.

Ich bin also richtig.

Dann kommt eine Stelle, an der ich mich durch einen engen Felsspalt zwängen muss.

Im Bergsteigerfachjargon wäre das wohl ein Kamin.

Nach dieser engen Stelle liegt vor mir eine ansteigende Felsfläche mit auffällig geraden Furchen.

Hat hier in grauer Vorzeit ein Riese einen Rechen über den Fels gezogen?

Die Furchen verlaufen so gleichmässig und parallel, dass sie beinahe unnatürlich aussehen.

Als ich diese Fläche überquere, schaue ich zurück.

Und erschrecke.

Ich befinde mich ungesichert mitten in einer steilen Felswand.

Instinktiv drücke ich meinen ganzen Körper näher an den Fels, um bloss nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich muss mich sammeln.

Auf keinen Fall nochmals nach unten schauen.

Nur noch vorwärts.

Ich muss hinauf.

Auf Biegen und Brechen.

Langsam erhole ich mich vom Schrecken und klettere weiter.

Nur noch wenige Meter.

Dann ist es geschafft.

Der helle Fels geht in eine mit Grasbüscheln und Sträuchern bewachsene, immer noch ansteigende Fläche über.

Hier muss ich nicht mehr klettern. Ich kann wieder aufrecht gehen.

Von jetzt an ist der Aufstieg ein Kinderspiel.

Ich komme an einer Forsthütte vorbei.

Ein Weglein führt durch einen Laubwald. Etwas weiter vorne sehe ich einen gelben Wegweiser.

Darauf steht in Richtung Felsnadel:

«Stockfluh».

Aha.

So heisst also mein Pilgerziel.

Ein schmales Weglein führt in Richtung Stockfluh.

Und schon sehe ich es von weitem.

Mich erwartet wieder ein Klettersteig.

Der Einstieg erfolgt erneut über einige Felstritte. Dann erreiche ich das Drahtseil und kann mich daran festhalten und hochziehen.

Jetzt kommt sogar ein neues Kletterhilfsmittel ins Spiel.

Eine rostige, ziemlich abgewetzte Leiter.

Ich steige die ersten Sprossen hoch.

Die Leiter beginnt zu wackeln.

Weiter oben sehe ich warum.

Auf einer Seite hat sich ein Befestigungsanker aus dem Fels gelöst.

Nach allem, was ich an diesem Nachmittag bereits erlebt habe, macht mir das erstaunlicherweise kaum Sorgen.

Nach der Leiter geht es über glatten Fels und losen Schotter weiter Richtung Gipfel.

Zum Glück gibt es auch hier wieder ein Drahtseil.

Noch eine letzte Biegung.

Dann stehe ich oben.

Auf dem Gipfel des «Duume», der Stockfluh.

Ich sehe das Gipfelkreuz und blicke hinunter aufs Dorf, auf den See und zu den umliegenden Bergen.

Spüre ich jetzt Glück?

Erfüllung?

Oder gar Erleuchtung?

Nein.

Erleuchtung kann es nicht sein. Die stelle ich mir irgendwie anders vor.

Am ehesten ist es Freude.

Und Bestätigung.

Ich habe es mit meinen durch die Krankheit vermeintlich reduzierten Kräften tatsächlich geschafft.

Vielleicht bin ich gar nicht so geschwächt, wie ich glaube.

Vielleicht kommt ein Teil dieser negativen Gefühle aus meinen Gedanken.

Im Moment jedenfalls fühle ich mich stark.

Etwas unterhalb des Gipfelkreuzes steht ein einfaches Bänklein. Darauf sitzt eine Frau.

Wir sind die einzigen Menschen auf dem Gipfel und geniessen das imposante Panorama.

Der Abstieg ins Dorf ist weit weniger dramatisch als meine nachmittägliche Alpinwanderung.

Für den Rückweg nehme ich nämlich den normalen, gelb markierten Wanderweg.

Er führt als Trampelpfad über eine Kuhweide hinunter zu einem Wäldchen.

Irgendwann komme ich wieder zu jenem blauen Wegweiser, an dem mein Abenteuer begonnen hat.

Von hier aus kenne ich den Weg zurück zur Klinik.

Da in der Klinik ein striktes Alkoholverbot herrscht und ich mich selbstverständlich daran halte, kaufe ich mir im Coop ein alkoholfreies Bier einer bekannten Schweizer Brauerei.

Meine erfolgreiche Besteigung muss gefeiert werden!

Stefan und die Sneakers

Beim Abendessen habe ich einen neuen Tischnachbarn.

Oder besser gesagt: Am Nachbartisch sitzt ein neuer Kurgast, denn wegen Corona essen wir weiterhin allein an Zweiertischen.

Er ist bestimmt etwa zwanzig Jahre jünger als ich und kommt ebenfalls aus dem Aargau.

Trotz der Corona-Abstandsregeln kommen wir ins Gespräch.

Ich erfahre, dass er Lehrer ist.

Da ergreife ich die Gelegenheit und erzähle ihm von meinem heutigen Erlebnis am Berg.

Er hört interessiert zu und fragt mich, ob er einmal mitkommen dürfe, wenn er sich hier etwas eingelebt habe.

Nach meinem Hochgefühl auf dem Gipfel der Stockfluh verspüre ich bald den Drang, die Tour noch einmal zu machen.

Einige Tage später plane ich die nächste Besteigung für den kommenden Samstag.

Beim Essen frage ich Stefan, meinen neuen Tischnachbarn, ob er mich aufs Bützi und auf die Stockfluh begleiten möchte.

Allerdings informiere ich ihn vorsichtshalber darüber, dass die Tour ziemlich anstrengend sei und man auf Klettersteigen durch Felsen steigen müsse.

Stefan will mir am nächsten Tag Bescheid geben.

Er kommt mit.

Also gebe ich ihm ein paar Tipps zur Ausrüstung und dazu, was man auf einer solchen Tour am besten mitnimmt.

Ich komme mir dabei schon fast wie ein Bergführer vor.

Dann ist Samstag.

Nach dem frühen Mittagessen erscheint Stefan am vereinbarten Treffpunkt.

In Sneakers.

Ich hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass wir auf einen Alpinwanderweg gehen.

Er habe eben keine Wanderschuhe hier in der Klinik.

Das werde schon klappen mit den Sneakers.

Na gut.

Wir machen uns auf den Weg.

Zuerst durch die Wohnquartiere, dann dem Fluss entlang, über die Brücke und bis zum ersten Wegweiser.

Und tatsächlich: Jetzt sehe ich, dass der Weg zur Stockfluh bereits hier ausgeschildert ist.

Der Weg führt uns weiter bis zur Abzweigung mit dem blauen Wegweiser.

Stefan ist schon sichtlich ausser Atem.

Klar, bereits der Aufstieg vom Dorf hierher ist anstrengend.

Für mich ist er inzwischen problemlos zu bewältigen.

Langsam mache ich mir Gedanken darüber, ob Stefan den steilen Aufstieg zum Bützi schaffen wird.

Kurz vor dem Zwergenwäldchen müssen wir eine Pause einlegen.

Nach einigen Minuten gehen wir weiter.

Hinter dem Zwergenwäldchen erreichen wir den ersten Klettersteig.

Ich gehe voraus und erkläre Stefan, wo er sicheren Tritt findet.

Wir kommen nur langsam voran.

Aber schliesslich schaffen wir die Felsstufe.

Nun müssen wir noch den lichten Föhrenwald hinauf.

Dann erreichen wir das Bützi.

Stefan ist geschafft.

Wir setzen uns hin, trinken Wasser und ich esse einen Müsliriegel.

Doch wir müssen weiter.

Vor uns liegt die Schlüsselstelle.

Der Abstieg ins Tääli.

Ich erkläre Stefan, wie ich es beim letzten Mal geschafft habe. In der Mitte der Wand habe man zunächst das Gefühl, es gehe nicht mehr weiter. Dort müsse man einen beherzten Sprung auf den nächsten Tritt machen.

Stefan schaut mich mit grossen Augen an.

Ich gehe voraus und beginne den Abstieg von Anfang an rückwärts.

Als es scheinbar nicht mehr weitergeht, mache ich meinen beherzten Sprung zum entfernten Tritt.

Geschafft.

Nun dirigiere ich Stefan mit meinen Anweisungen bis zur Schlüsselstelle und versuche, ihn zum Sprung zu motivieren.

Er schafft es nicht.

Ich sehe ein: Wir müssen umkehren.

Lieber den gleichen Weg wieder zurück, als ein Unglück zu riskieren.

Nun sehe ich, wie Stefan immer mehr verkrampft.

Ich kenne dieses Gefühl.

Nicht mehr weiterwissen.

Nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts.

Ich versuche ihn zu beruhigen und gebe ihm Anweisungen, wie er am besten wieder nach oben steigen kann.

Irgendwie schafft er es.

Nun muss auch ich selbst zurück nach oben klettern.

Erstaunlicherweise geht das ziemlich gut.

Beim Bützi-Kreuz setzen wir uns nochmals hin und erholen uns von unserem Schrecken.

Nach einigen Minuten machen wir uns auf den Rückweg.

Wir spüren bald, wie uns der steile Abstieg in die Knie schiesst.

Ich frage mich bereits, wie wir den Abstieg durch die kleine Felswand kurz vor dem Zwergenwäldchen schaffen sollen.

Das ist ja ebenfalls ein Klettersteig.

Als wir die Wand erreichen, gehe ich voraus und gebe Stefan erneut Anweisungen.

Danach geht es zwar noch immer steil hinunter, aber im Vergleich zu vorher ist alles nur noch ein Kinderspiel.

Bald erreichen wir den blauen Wegweiser.

Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zurück ins Dorf.

Trotz unserer missglückten Bezwingung der Stockfluh kaufen wir uns im Coop ein alkoholfreies Bier.

Als Belohnung für die überstandenen Strapazen.

«Gäll, du bisch de Wanderer?»

Neben meiner Hauptbeschäftigung, dem Lesen von Büchern, kehrt langsam wieder ein geordneter, wenn auch weiterhin reduzierter Klinikalltag zurück.

In einem der Gespräche mit meiner fallführenden Ärztin erzähle ich ihr von meiner neu entdeckten Leidenschaft fürs Wandern, Klettern und Pilgern.

Sie schaut mich mit ungläubigen Augen an, als ich ihr erkläre, wohin mich meine Tour geführt hat.

So rücksichtsvoll wie möglich gebe ich ihr zu verstehen, dass mir «meine Art der Therapie» bisher mehr gebracht habe als die verschiedenen Therapieangebote der Klinik.

Mit der Zeit spricht es sich offenbar herum, dass ich meine eigene Therapieform gefunden habe.

Die Bützi-Stockfluh-Tour habe ich inzwischen sicher dreimal gemacht.

Allerdings immer allein.

Dann tritt eine neue Patientin in die Klinik ein.

Eine Frau mittleren Alters namens Brigitte.

Offenbar hat sie bereits gehört, dass ich häufig Wanderungen mache.

«Gäll, du bisch de Wanderer?»

Mit diesen Worten begrüsst sie mich.

Ich bin perplex.

Woher weiss sie das?

«Dörf i einisch mitcho of eini vo dine Toure?»

Noch immer etwas verdutzt antworte ich:

«Jo, natürli! Aber eigentlich sind das keini Wanderige. Es wär denn e Alpinwanderig mit Klättersteig.»

Mit strahlendem Gesicht antwortet sie:

«Jo guet, das isch jo no besser!»

Wir verabreden uns für den kommenden Samstag, den 4. April.

Brigitte ist bei den Spätessern eingeteilt. Ich muss also warten, bis sie vom Mittagessen kommt.

Es ist zwölf Uhr, und ich geniesse solange die Frühlingssonne im Klinikpark.

Kurz nach halb eins erscheint sie.

In voller Wandermontur.

Vorbildlich mit Wanderschuhen, Wanderhosen, kleinem Rucksack und zwei Wanderstöcken.

Wanderstöcke?

Wozu braucht sie die auf einem Klettersteig?

Sie sagt mir, dass sie immer so unterwegs sei, auch auf alpinen Touren.

Nun gut.

Wir machen uns mitsamt Wanderstöcken auf den Weg.

Von meinen bisherigen Bützi-Touren kenne ich die Strecke inzwischen auswendig.

Brigitte lebt im Bündnerland, stammt ursprünglich aber ebenfalls aus dem Aargau. Im richtigen Leben führt sie zusammen mit ihrem Mann eine Metzgerei.

Das sieht man ihr allerdings überhaupt nicht an.

Ich staune.

Der Aufstieg zum Bützi bereitet ihr keinerlei Probleme. Sie kommt nicht einmal ernsthaft ausser Atem.

Auch den kurzen Klettersteig hinter dem Zwergenwäldchen nimmt sie ohne Zögern in Angriff.

Sie hat also tatsächlich alpine Erfahrung.

Nach der Rast beim Bützi folgt der Abstieg ins Tääli.

Ich klettere als Erster, damit ich Brigitte von unten zeigen kann, wo sich die sicheren Tritte befinden.

Sie macht das gut.

Aber wie ich es mir gedacht habe, sind die Wanderstöcke hier keine grosse Hilfe.

Als ich ihr die Stöcke abnehmen will, damit sie besser klettern kann, fällt einer davon die Felswand hinunter ins Tääli.

Mit Verlusten muss man rechnen.

Auch die Schlüsselstelle, den Sprungtritt, meistert Brigitte problemlos.

Schon bald stehen wir unten im Tääli.

Glücklicherweise finden wir dort auch den abgestürzten Wanderstock wieder.

Nun hat auch Brigitte eingesehen, dass die Stöcke beim Klettern eher hinderlich sind. Sie verstaut sie im Rucksack.

Da es Teleskopstöcke sind, lassen sie sich problemlos zusammenschieben.

Nach dem gewundenen Pfad durch den Mischwald, vorbei an den grossen Felsblöcken, stehen wir schliesslich vor der weissen Felswand.

Wieder spiele ich Bergführer und erkläre, worauf es beim Aufstieg ankommt und wo man besonders aufpassen muss.

Vor allem:

Einfach nicht zurückblicken!

Bei Brigitte mache ich mir allerdings kaum Sorgen.

Wie eine eingespielte Seilschaft, bloss ohne Seil, durchsteigen wir die weisse Wand.

Danach ist alles nur noch ein Kinderspiel.

Bald stehen wir gemeinsam auf dem Gipfel der Stockfluh.

Wir freuen uns, dass unsere Expedition so gut geklappt hat, und geniessen das Panorama.

Obwohl ich nun schon einige Male hier oben war, ist der Blick noch immer beeindruckend.

Für den Abstieg ins Tal nehmen wir wieder den Trampelpfad durch die Kuhweiden.

Den obligatorischen Besuch im Coop erledige ich an diesem Tag allerdings allein.

KAPITEL 6

Was davon bleibt

Was die Wochen in der Klinik verändert haben und wie daraus später der Schweizer Jakobsweg wurde.

Das Ende meines Klinikaufenthalts rückt näher.

Ich mache mir Gedanken darüber, wie mir der Wiedereinstieg in die «richtige Welt», in Familie und Beruf, gelingen wird.

Rückblickend waren die Touren auf die Stockfluh für mich stärkend, motivierend und auf ihre eigene Art heilend.

Für mich persönlich haben sie mir in dieser Situation mehr gegeben als manches Element des straffen Klinik-Therapieprogramms.

Aber zum Glück sind nicht alle Menschen gleich.

Für die einen ist dieser Weg der richtige, für andere ein ganz anderer.

Der gewiefte Leser wird zudem bemerkt haben, dass die Auszeit in der Klinik und meine dort entdeckte Form des Unterwegsseins bleibende Spuren hinterlassen haben.

Sonst wäre schliesslich diese Geschichte über das Pilgern nie entstanden.

Die Rückkehr zu Familie und Beruf klappt erstaunlich gut.

Auch Corona trägt seinen Teil dazu bei.

Während des Lockdowns und der ausserordentlichen Lage etabliert sich nämlich ein weiterer Ausdruck in Gesellschaft und Arbeitswelt:

HOMEOFFICE.

Für mich ist das ein Segen.

Seither kann ich einen Teil meiner Arbeitszeit von zu Hause aus erledigen. In meinem Beruf als IT-Fachmann ist das gut möglich.

Diese Arbeitsweise schont meine Energiereserven erheblich, denn das tägliche Pendeln mit dem Zug ist für mich nach wie vor anstrengend.

Nach dem Frühling folgt bekanntlich der Sommer.

Und mit ihm kommen die Sommerferien.

Da war doch noch etwas.

Der Plan, mit der Familie nach England zu reisen und einige Etappen auf dem Southwest Coast Path zu wandern.

Geht nicht.

Corona macht uns einen Strich durch die Rechnung.

Wieder ist dieses seltsame Gefühl da, in einem Endzeitfilm mitzuspielen.

Die Grenzen sind eingeschränkt, Reisen ins Ausland schwierig oder zeitweise kaum möglich.

Also suchen wir eine Alternative.

Ohne Meer.

Dafür mit Bergen.

Und wir finden sie.

Wir beschliessen, ein Stück des Schweizer Jakobswegs zu wandern.

Aus einer Kur, einem Reisebuch, einer grauen Felsnadel über dem Vierwaldstättersee und einem spontanen Gedanken ist etwas entstanden, das mich noch lange begleiten wird:

das Pilgern.

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