Töffgeschichten

EasyCruiser

Zurück auf den Töff nach über 30 Jahren
Easycruising, britisch oder italienisch?

Der Gedanke, nach über 30 Jahren Töff-Abstinenz noch einmal auf ein Motorrad zu steigen, war schon länger irgendwo in meinem Hinterkopf. So richtig ins Rollen kam die Sache aber erst durch einen spontanen Besuch bei meinem ehemaligen Arbeitskollegen Hörby.

Jeannette und ich waren im frühen Sommer 2022 im Seetal unterwegs. Als wir am Baldeggersee vorbeikamen, fragte ich eher beiläufig: «Wie geht es wohl Hörby und Maria? Ich habe schon ewig nichts mehr von den beiden gehört.»

Jeannette, wie immer wesentlich spontaner als ich: «Komm, wir besuchen die beiden und fragen, wie es ihnen geht.»

Auweia! Da hatte ich wieder etwas Schönes angerissen!

Denn ich bin, sagen wir mal, in solchen Dingen nicht ganz so spontan wie Jeannette. Während sie gedanklich vermutlich schon an der Haustüre klingelte, überlegte ich fieberhaft, wie ich sie wieder von dieser Idee abbringen könnte. Man kann doch nicht einfach nach gefühlten Jahrzehnten bei jemandem auf der Matte stehen. Und dann erst noch unangemeldet!

Nun gut.

Ein paar Minuten später standen wir vor der Haustüre von Maria und Hörby.

Damals ahnte ich noch nicht, welche Folgen dieser spontane Besuch haben würde.

Wir erfuhren nämlich, dass Hörby seit einiger Zeit eine Leidenschaft für Triumph Motorräder entwickelt hatte und oft mit seiner Bonneville T120 unterwegs war.

Und irgendwie sprang der Funke über.

Dieser Besuch war die Initialzündung für meine eigene, längst vergessen geglaubte Töff-Leidenschaft. Plötzlich stellte sich nicht mehr nur die Frage, ob ich nach über 30 Jahren wieder auf einen Töff steigen würde, sondern vor allem: Wann ich das angehen möchte und was für ein Töff zu mir passen würde?

Eines war ziemlich schnell klar: Die klassischen Motorräder hatten es mir angetan. Ein Töff, der auch noch wie ein Töff aussieht. Motor, Tank, zwei Räder und nicht viel unnötiges Drumherum.

So etwas wie die Classic Bikes von Triumph?

Ja, das wäre schon cool!

Dann kam der Zufall ein zweites Mal ins Spiel. In einer TV-Dokumentation über den Comersee wurde ich auf Moto Guzzi aufmerksam. Italienische Motorräder, klassisch und mit ziemlich viel Charakter.

Hmm. Die sind aber auch schön!

Was hingegen definitiv nicht meinem Bild vom Töfffahren entsprach, waren Strassenmaschinen mit Rennverschalung, auf denen der Pilot in einer für mich ziemlich ungemütlich aussehenden Embryonalstellung über dem Tank kauert und um die engen Kurven heizt.

Nein. Das war nicht meine Welt.

Ich sah mich eher gemütlich über kleine Strassen cruisen, die Landschaft geniessen und den Weg zum Ziel machen.

Ein EasyCruiser eben.

Eine gelbe Moto Guzzi V7 Stone und eine schwarze Triumph Speed Twin 900 vor einer Bergkulisse
Moto Guzzi V7 Stone in Gelb und Triumph Speed Twin 900 in Schwarz.

Und aus ein bisschen Herumschauen wurde erstaunlich schnell etwas Konkretes. Nur wenige Tage später stand der Termin fest:

Probefahrt mit einer Moto Guzzi V7 Stone beim Importeur in Lupfig.

Nach über 30 Jahren würde ich wieder auf einem Motorrad sitzen.

Der Verkaufsleiter erkundigte sich vorsichtshalber nach meiner Erfahrung mit solchen Maschinen.

«Ja, schon», erklärte ich. «Vor über 30 Jahren bin ich eine Kawasaki KE 125 gefahren. Mit der bin ich sogar zusammen mit meinem besten Freund und seiner baugleichen Maschine bis nach Irland gefahren.»

Das klang eigentlich gar nicht so schlecht. Fast ein wenig nach erfahrenem Biker.

Nur lagen zwischen einer Kawasaki KE 125 und einer Moto Guzzi V7 Stone nicht nur mehr als 30 Jahre.

Schon beim Aufsteigen merkte ich:

Das hier ist eine ganz andere Hausnummer!

Die Guzzi fühlt sich gross, schwer und mächtig an. Aber Töfffahren ist schliesslich Töfffahren. So etwas verlernt man doch nicht.

Oder?

Nun gut. Ich wollte es ja so.

Kupplung ziehen, erster Gang rein...und los.

Etwas wackelig rolle ich vom Gelände des Importeurs. Mit dem linken Fuss suche ich etwas ratlos am Schalthebel nach dem zweiten Gang und mache mich auf in Richtung Schenkenbergertal.

Nach über 30 Jahren Töff-Abstinenz bin ich tatsächlich wieder unterwegs.

Und ziemlich schnell lerne ich etwas:

Die Guzzi ist eine Diva!

Geradeaus fahren? Kein Problem. Aber sobald ich eine sanfte Kurve einleiten will, will die eigenwillige Italienerin nicht so recht. Sie bockt. Jedenfalls fühlt es sich für mich so an. Ich muss sie regelrecht in die Kurve zwingen.

So habe ich das von meiner kleinen Enduro-Kawasaki nicht in Erinnerung.

«Das wird sich schon geben», sage ich mir.

Auf dem Weg Richtung Staffelegg taucht vor mir ein Traktor auf, der ein schweres Fuder Heu transportiert.

Überholen?

Nein.

Das traue ich mir nicht zu. Ich weiss ja noch nicht einmal, wie die Diva reagiert, wenn ich kräftiger am Gas drehe und zum Überholen ansetze.

Also tuckere ich hinter dem Heutransport her.

Und das ist mir ganz recht so.

Der Traktor gibt das Tempo vor, ich muss niemandem etwas beweisen und kann mich weiter mit der Guzzi anfreunden. Oder es zumindest versuchen.

Schliesslich erreiche ich die Staffelegg. Auf der Passhöhe biege ich auf den Parkplatz ein und stelle die Guzzi ab.

So. Das wäre geschafft.

Dann kommt mir ein Gedanke:

Jetzt muss ich von diesem Pass auch wieder runterkommen.

Irgendwie klappt auch das. Schneller als etwa 75 km/h traue ich mich auf der Passstrasse allerdings nicht zu fahren. Von einem lockeren EasyCruiser kann noch keine Rede sein. Ich bin hochkonzentriert damit beschäftigt, die Guzzi und mich heil wieder ins Tal zu bringen.

Als ich schliesslich wieder auf den Platz des Importeurs in Lupfig rolle und die Maschine abstelle, sind meine Beine zittrig. Ich fühle mich erschöpft, fast so, als hätte ich gerade nicht eine Probefahrt, sondern eine Prüfung hinter mir.

So fühlt sich also das Fahren mit einer grossen Maschine an!?

Daran gewöhnt man sich sicher.

Dann erinnere ich mich an einen Satz von Tom, einem guten Freund von mir. Als wir über meinen Wiedereinstieg ins Töfffahren gesprochen hatten, meinte er:

«Du und der Töff, ihr müsst ein gutes Team sein!»

Ein gutes Team.

Ich schaue die Guzzi an.

Die Diva und ich ein Team?

Sie macht ja, was sie will!

Toms Satz bleibt hängen.

Der Töff und ich, wir müssen ein gutes Team sein.

Der Rest ist Geschichte.

Ein paar Tage später stehe ich bei Triumph in Oensingen vor einer Speed Twin 900.

Wieder eine Probefahrt. Wieder dieses leichte Kribbeln. Und natürlich ist da noch die Erinnerung an meinen etwas wackeligen Ausflug mit der italienischen Diva.

Ich fahre los.

Und schon nach den ersten Metern ist da dieses völlig andere Gefühl.

Kein Kampf. Kein Bocken. Kein divahaftes Benehmen.

Die Speed Twin lässt sich leicht und selbstverständlich fahren. Die Fahrt in Richtung Balsthal und weiter nach Langenbruck ist butterweich. Kurve um Kurve wächst das Vertrauen.

Plötzlich muss ich nicht mehr darüber nachdenken, was der Töff unter mir wohl als Nächstes machen wird.

Wir fahren einfach.

Und irgendwo zwischen Balsthal und Langenbruck weiss ich:

Das ist sie.

Nach über 30 Jahren Töff-Abstinenz fühlt sich diese Probefahrt nicht wie ein Neuanfang an.

Es ist vielmehr wie nach Hause kommen.

Tom hatte recht:

Toms Satz

«Du und der Töff, ihr müsst ein gutes Team sein!»

Die Speed Twin und ich waren es vom ersten Kilometer an.

Ein EasyCruiser eben.

Nur eine kleine Hürde gab es da noch.

Mein Töff-Führerschein galt nämlich lediglich für Motorräder bis 125 ccm. Für meine damalige Kawasaki KE 125 hatte das wunderbar gereicht.

Die Triumph hatte allerdings 900 ccm.

Da fehlten mir fahrberechtigungsmässig schlappe 775 Kubik.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein herzliches Dankeschön an das ganze Team von Triumph Oensingen!

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