Die Wächterlegende
Seit langer Zeit erzählt man sich, dass in der Bösmatt ein Wächter über diesen Ort wacht.
Dort steht ein alter Marchstein. Er trägt die Nummer 467 und stammt aus dem Jahr 1764. Er bezeichnet die Grenze, die hier seit Jahrhunderten durch die Landschaft führt. Der Flurname Bösmatt wurde bereits 1423 schriftlich erwähnt, lange bevor die Höfe und die Landschaft so aussahen wie heute.
An einem nebligen Morgen, so will es die Überlieferung, soll einst ein junger Geselle durch die Bösmatt gezogen sein. Unweit des Marchsteins führte sein Weg durch ein Weidegatter, das man damals ein «Diri» nannte. Es trennte die Weiden voneinander und ermöglichte Mensch und Vieh den Durchgang.
Der Nebel lag schwer über den Wiesen. Als der Geselle das Diri hinter sich geschlossen hatte, bemerkte er auf dem Marchstein einen Kranich.
Der Vogel stand ganz still auf dem Marchstein. In einer seiner erhobenen Krallen hielt er einen kleinen Stein, so wie man den Kranich seit alters her als Zeichen der Wachsamkeit kennt. Sollte ihn der Schlaf übermannen, würde der Stein zu Boden fallen und ihn wieder wecken.
Der Geselle blieb stehen und betrachtete den sonderbaren Wächter. Für einen Moment schien es beinahe, als würden sich Mensch und Tier gegenseitig mustern. Erst als der junge Mann näherkam, öffnete der Kranich seine Flügel, erhob sich vom Marchstein und verschwand lautlos im Nebel.
Der Stein aber blieb zurück.
Der junge Mann soll in der Gegend geblieben sein. Was damals genau geschah, weiss heute niemand mehr. Aber die Geschichte vom Kranich auf dem Marchstein wurde weitererzählt, genauso wie jene vom Mann beim Diri, dem kleinen Weidegatter.
Ob er tatsächlich über das Gatter wachte oder ob die Leute ihm den Namen erst später gaben, lässt sich heute nicht mehr sagen. Aber irgendwann, so erzählt man sich, wurde aus dem Wächter beim Diri der «Diriwächter».
Aus einem Diri, einem Wächter und einer alten Geschichte wurde ein Name, der geblieben ist.
Und noch heute steht der Marchstein in der Bösmatt. Unweit davon tritt das Luterbächli aus dem Boden und fliesst dem Wald entlang in Richtung Gretzebach, dann in die Aare, weiter in den Rhein und irgendwann ins Meer.
Ob sich das alles wirklich so zugetragen hat, weiss niemand.
Aber manchmal bleiben Geschichten, weil sie zu einem Ort gehören.
D Wächterlegände
Sit langer Ziit verzellt me sich, dass i de Bösmatt e Wächter über dä Ort wacht.
Det stoht en alte Marchstei. Er treit d Nummere 467 und stammt us em Johr 1764. Er bezeichnet d Gränze, wo do sit Jahrhunderte dor d Landschaft louft. De Flurname Bösmatt isch scho 1423 schriftlich erwähnt worde, lang bevor d Höf und d Landschaft so usgseh händ wie hüt.
A mene näblige Morge, so wott‘s d Überlieferig, söll emol e junge Gsell dor d Bösmatt zoge sii. Ned wiit vom Marchstei het si Wäg durnes Weidegatter gfüehrt, wo me dennzmol es «Diri» gheisse het. Es het d Weide vonenand trennt und de Mönsche und em Vieh de Durchgang ermöglecht.
De Näbel isch schwär über de Wise gläge. Wo de Gsell s Diri hinder sich zuegmacht het, het er uf em Marchstei e Chranich entdeckt.
De Vogel isch ganz still uf em Marchstei gstande. I einere vo sine erhobene Chralle het er en chliine Stei gha, so wie me de Chranich sit alters här als Zeiche vo de Wachsamkeit kennt. Wenn ihn de Schlaf übermannt hätt, wär de Stei z Bode gheit und hätt ne wieder gweckt.
De Gsell isch stoh blibe und het dä sonderbar Wächter betrachtet. Für ne Momänt het’s fascht so usgseh, als wörde sich Mensch und Tier gägesiitig muschtere. Ersch wo de jung Maa nöcher cho isch, het de Chranich sini Flügel ufgmacht, sich vom Marchstei erhobe und isch lutlos im Näbel verschwunde.
De Stei aber isch zroggblebe.
De jung Maa söll i de Gägend blebe sii. Was dennzmou genau passiert isch, weiss hüt niemer meh. Aber d Gschicht vom Chranich uf em Marchstei het me wiiterverzellt, genau wie die vom Maa bim Diri, dem chliine Weidgatter.
Ob er würkli über das Gatter gwacht het oder ob d Lüt ihm de Name erscht spöter gä händ, cha hüt niemer meh säge. Aber irgendwenn, so verzellt me, isch us em Wächter bim Diri de «Diriwächter» worde.
Us eme Diri, emene Wächter und ere alte Gschicht isch e Name worde, wo blebe esch.
Und no hüt stoht de Marchstei i de Bösmatt. Ned wiit devo chonnt s Luterbächli usem Bode und flüsst em Wald entlang Rechtig Gretzebach, denn i d‘Aare nochhär i Rhy ond ergend einisch is Meer.
Ob sich das alles wörkli so zuetreit het, weiss niemer.
Aber mängisch blibe Gschichte, will si zu mene Ort ghöre.